Wie haben sich unsere Wohnbedürfnisse durch die Krise geändert?

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In diesem Jahr war die Wahrscheinlichkeit groß, dass Ihre Wohnung oder Ihr Haus gleich mehrere Funktionen erfüllen musste. Aufgrund der Pandemie erfanden Sie Ihren Rückzugsort vielleicht neu. Ein Wohnzimmer oder eine Küche wurden schnell in ein Klassenzimmer oder ein Büro umfunktioniert.

Ihre Wohnung wurde zum Mittelpunkt Ihres Lebens. Neben dem Arbeitsplatz verwandelten sich die eigenen vier Wände in ein Kino, ein Restaurant oder – wer Kinder hat – in einen Spielplatz. Damit hielt das öffentliche Leben Einzug in Ihr Privatleben.

Wie sich die Wohnbedürfnisse der Deutschen in den letzten Monaten geändert haben und welchen Einfluss das auf die Wohnarchitektur der Zukunft hat, erklären wir Ihnen in diesem Beitrag.

Wie haben sich die Wohnbedürfnisse in Deutschland verändert?

Eine Studie des Immobilienportals “DeinNeuesZuhause.de” in Kooperation mit der “PSD Bank Nord” zeigt, wie es vielen Stadtbewohnern in Deutschland geht. Da viele Arbeitnehmer – mehr oder weniger - dazu gezwungen sind, im Homeoffice zu arbeiten, wird es zu Hause oft eng. 36 Prozent der befragten Hamburger gaben an, einen höheren Platzbedarf festzustellen. Separater Raum wird in diesem Fall vor allem für bessere Arbeitsmöglichkeiten – wie ein Arbeitszimmer – benötigt. Deutschlandweit verspüren nur 17 Prozent den Wunsch nach mehr Platz in den eigenen vier Wänden.

Aus der Stadt und in eine ruhigere, grünere Gegend zu ziehen, wünschen sich etwa 22 Prozent der Hamburger Studienteilnehmer. Bundesweit haben sich nur 13 Prozent vorgenommen, auf das Land zu ziehen.

Vor allem sind es die Städter in Deutschland, die sich mehr Platz innerhalb und außerhalb der eigenen vier Wände wünschen. Nach Einschätzung der Jones Lang Lasalle GmbH, einem Dienstleistungs-, Beratungs- und Investmentmanagement-Unternehmen im Immobilienbereich, wird die Nachfrage nach Zimmern mit Balkon oder Zugang zu Grünflächen zunehmen. Diese Nachfrage könnte nicht nur Städte wie München, Köln oder Düsseldorf betreffen, sondern auch ihr Umland.

Wie sieht die Wohnlage in Österreich aus?

In anderen Teilen der DACH-Region sieht es in Sachen Wohnbedürfnisse nicht viel anders aus. So hatte laut einer Studie der Raiffeisen Immobilien (Österreich) die Corona-Krise auch Einfluss auf die Österreicher.

Der Großteil der österreichischen Studienteilnehmer wünscht sich eine größere Wohnung. Die Menschen, denen 60 m² Wohnfläche zur Verfügung stehen, sind 20 Prozent unzufriedener als die Personen, die in einer Wohnung oder einem Haus mit mehr Wohnfläche leben.

Bei 45 Prozent der befragten Berufstätigen, die aufgrund der Pandemie im Homeoffice arbeiten müssen, hatten 28 Prozent Probleme, den dafür notwendigen Platz zu finden. Der Großteil der im Homeoffice-Aktiven hat allerdings Gefallen daran gefunden und würde diese Arbeitsweise auch künftig weiterführen. Das bedeutet für Büroimmobilien in Zukunft eine Verkleinerung oder vielleicht auch eine Raumverteilung oder -anpassung an die neuen Bedürfnisse.

Worin sich Studienteilnehmer in Deutschland und Österreich einig zu sein scheinen: Stadtbewohner, die an der Studie der Raiffeisen Immobilien teilgenommen haben, planen in ländliche Regionen zu ziehen oder haben zumindest darüber nachgedacht.

Wie schätzen Architekten die aktuelle Lage und die Wohnarchitektur der Zukunft ein?

Auch eine Reihe von Architekt/innen haben sich Gedanken zu der derzeitigen Entwicklung gemacht und ihre Einschätzungen zur Wohnarchitektur der Zukunft beschrieben. Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Aspekte.

Bedürfnis für Privatsphäre und Hygiene werden wichtiger

Für Michelle Ogundehin, Autorin und Innenarchitektin, sind Wohnungen und Häuser wichtige “Waffen” im Kampf gegen die Ansteckung mit COVID-19. Sie ist der Überzeugung, dass Wohnarchitektur sich nicht mehr am Spruch “Form folgt Funktion” orientieren wird. Es wird vielmehr um “Form folgt Infektion” gehen.

Immunität in Häusern wird in Form von Luft- und Wasserfiltersystemen, aber auch Pflanzen gestärkt. Ogundehin ist sich sicher, dass sich das typische westliche Open-Plan-Layout verändern wird. Viel wichtiger werden ruhige Ecken und Räume sein, die mehr Privatsphäre bieten.

Der Grundriss, nicht der Mensch, muss sich in Zukunft anpassen

Die Architektinnen Ursula Kaiser und Regina Bitterlich haben im Rahmen ihrer Umfrage “Architektur im Ausnahmezustand” festgestellt, dass von Menschen zwar immer mehr Flexibilität verlangt wird, aber der Wohnraum nach wie vor sehr unflexibel ist. Menschen passen sich demnach den Grundrissen der Wohnungen und Häuser an – aber eben nicht umgekehrt.

Eine Anforderung an die eigenen vier Wände, die sich laut den Architektinnen vor allem durch COVID-19 ergeben hat, ist das Homeoffice. Denn sollte dieses fester Bestandteil unseres Alltags werden, wird es ganz neue Anforderungen an das Zuhause geben. Alternative Wohnkonzepte, Nachhaltigkeit und soziale Strukturen werden demnach auch in Zukunft immer wichtiger.

Das Zuhause als emotionale Heimat

Ilse Crawford, eine britische Designerin, hat in einem Essay für den Schweizer Möbelhersteller Vitra festgestellt, dass das Zuhause vielfältiger in seiner Funktionsweise sein kann als wir bisher gedacht haben. Menschen hatten in den letzten Monaten, laut Crawford, die Möglichkeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie der Lebensraum uns verändern kann – uns ist bewusst geworden, wie die eigenen vier Wände unser Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen.

Ilse Crawford ist der Meinung, dass Wohnung und Haus den Status als “emotionale Heimat” wieder zurückerlangt haben; eine funktionierende Höhle, die uns persönlich und vertraut vorkommt. Unsere eigenen vier Wände sind sprichwörtlich zum Gegenmittel für den Alltagsstress geworden.

Wohnung oder Haus werden auch in Zukunft wichtige Rückzugsorte sein

Zwar gibt es mit den vielen verschiedenen zugelassenen Impfstoffen bereits einen Lichtblick, doch für viele Menschen werden die eigenen vier Wände auch in den kommenden Jahren ein sicherer Rückzugsort sein – nicht nur vor der Pandemie. Darüber sind sich auch die in diesem Beitrag genannten Architektinnen einig.

Hierbei spielt vor allem der Hygieneaspekt eine wichtige Rolle, der beim Bau von Häusern und der Ausstattung von Wohnungen zukünftig nicht außer Acht gelassen werden kann. Europa kann bei diesem Thema etwas von den asiatischen Ländern lernen. Zu einer idealen Wohnung zählen hier bereits heute ein Eingangsbereich, der vom Wohnbereich abgetrennt ist, das Abstreifen der Straßenschuhe und das Waschen der Hände berücksichtigt.

Hinzu kommen dann Aspekte wie leicht zu pflegende Oberflächen und Möbel – denkbar wäre der Einsatz von Materialien mit antibakteriellen Eigenschaften.

Die Entwicklung eines höheren Hygienebewusstseins bedeutet aber nicht, dass Menschen künftig auf Dekoration oder andere belebende Wohnelemente verzichten werden. Sich mit schönen Dingen zu umgeben, wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Vieles, was man in den Jahren davor im Freien erleben konnte, muss jetzt auch in den eigenen vier Wänden möglich sein.

Sauberkeit und Gemütlichkeit werden viele Mieter, aber auch Wohnungs- und Hausbesitzer, im Jahr 2021 und darüber hinaus begleiten.

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